Jeder von uns besuchte irgendwann ein Konzert. Nicht unbedingt ein Jazzkonzert –irgendeines. Auch dort war sicher
ein Fotograf. Wir sahen ihn, wie er zwischen den Musikern schlich, im Bemühen das beste Motiv einzufangen.
Vielleicht feuerten wir ihn an, vielleicht irritierte er uns, weil wir uns nicht auf das Konzert konzentrieren
konnten. Später haben wir oft Kontakt mit den Ergebnissen und Zeugnissen seiner Arbeit. Durch sein Werk können
wir einen Blick auf die Vergangenheit werfen. Wirkehren wieder zu unserem geliebten, manchmal berühmten Musiker
zurück. Die Außergewöhnlichkeit mancher Aufnahmen zwingt uns, einen Blick auf die Unterschrift – den Namen des
Fotografen zu richten. In diesem Moment beginnen wir das Werk eines Künstlers – eines Fotografen wahrzunehmen.
Oft aber bleiben diese außergewöhnlichen Menschen namenlos, weil sie selber nicht um das Bekanntsein
kämpfen.
Die Helden der Fotos von Christian Ciardi, der Ausstellung in der Galerie Sandhofer sind sehr bekannte Jazzmusiker.
Sie werden aber auf seinen fotografischen Arbeiten nicht zu Stars erhoben. Um sie herum gibt es keine
Mythologisation (Mythologisierung) und auch keinen aufgeblasenen Pathos. Dies sind keine aufdringlichen
Nahaufnahmen oder Proben von psychologisierenden Porträts. Auf seinen Bildern sieht man Menschen, die sich
treffen, um zusammen Musik und nicht eine Show zu machen. Natürlich ist Jazz eine Musikrichtung, in der viele
große Stars wirken; doch gewöhnlich manifestiert sich ihre Größe nicht in farbiger Kostümierung, raffinierten
Tanzeinlagen oder schockierendem Verhalten auf der Bühne. Dies ist fast eine Art Meditation, ein Sich Vergessen in
der Musik, eine physische Anstrengung, eine Liebesbeziehung zu den Musikinstrumenten.
Die Glaubwürdigkeit von Medien in der gegenwärtigen Welt wurde erschüttert. Wir können nach Belieben kopieren,
umändern, zusammenfügen, ergänzen, beheben und beseitigen. Trotzdem fasziniert uns nach wie vor das Handwerk.
Christian Ciardi benützt bei seiner Arbeit keinen digitalen Fotoapparat, (er hat sogar gar keinen), er „verbessert“ auch
nicht mittels Graphikprogrammen. Sein Lieblingsfotoapparat ist eine analoge Nikon FM2 und Bilder, die er mit ihr
macht, entwickelt er auch selbst. In einer Dunkelkammer, mit Chemikalien auf seinem Lieblingsfotopapier „Ilford Satin
Papers 44M“.
Für Christian sind die zwei wichtigsten Momente, die er zelebriert: Das Fotografieren und das Entwickeln. Dann
während des Entwickelns auf die Resultate und Effekte zu warten. Sind die Aufnahmen, die er machte, auch jene die
er wollte; findet er in ihnen das Foto, das die Stimmung und die Zeit eingefangen hat ?
Der Prozess ist das Schlüsselwort zum Schaffen dieses jungen Künstlers. So nah doch der Wesensart des Jazz –
einer Musikrichtung, die sich ständig neu erschafft. Der allgegenwärtige Dynamismus (Die allgegenwärtige
Dynamik...) visualisiert sich in seinen Fotografien. Denn die eigentliche Fotografie hat statische Eigenschaften. Wie
soll man die Zeit zeigen? Christian benützt spezielle fotografische Sequenzen und lange Belichtungszeiten. Die zum
Teil verschwommenen Bewegungen zeigen ihre Spuren dort, wo sie längst nicht mehr sind.
Dieses Vorgehen erfordert Geduld. Bevor eine geeignete Anordnung erscheint, muss man beobachten, warten,
versuchen zu erraten, was als nächstes passiert. Das Einfangen der Bewegung und somit der Zeit in dem Moment
des Drückens auf den Auslöser wird somit zu einem Akt der Freiheit und der Wahl.
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„Die Betrachter von Photographien sind Zeitbetrachter“
Zeit darf nicht nur statisch dargestellt werden. Zeit ist nicht statisch. Wo bleibt jetzt jedoch die dynamische
Eigenschaft von Zeit in der Photographie? Gibt es die Möglichkeit den Zeitstillstand der klassischen Photographie zu
brechen, und beinahe in ein offenes Zeitfenster zu überführen? Für mich hab ich sie in der gezielten
Sequenzphotographie und Langzeitbelichtung gefunden. Beides setzt jedoch eines voraus: man muss so lange und
so genau beobachten und hinschauen, bis der Bewegungsablauf vorhersehbar wird. Das Gefühl des Augenblickes
steht nicht nur weit über der Technik. Es stellt sie in den Hintergrund. In der Jazzphotographie gilt es die vorhandene
Situation zu verschmelzen. Man sollte eins werden mit dem Licht und der Musik. Es gelingt nicht immer, aber wann
es gelingt, dann entstehen dabei „Jazzlights“. Ich versuche, und dies ist dann ein scharfes Auswahlkriterium,
Photographien zu zeigen, welche in ihrem Bildausschnitt unverändert sind. Zur Zeit (Gegenwärtig bin ich der
Meinung...) bin ich der Meinung, dass Photographie mit dem Griff nach den Photoapparat beginnt. Nicht in der
Dunkelkammer, und nicht in Photoshop.
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Christian Ciardi (*1973) beschäftigt sich seit seit seiner Kindheit immer wieder mitPhotographie. Der gebürtige Bozner
entdeckt bald die Liebe zur Schwarzweiß Darstellung und orientiert sich an den Größen wie Henri C. Bresson, Josef
Koudelka, Guy Le Querrec und Pascal Bichain. Die Begegnung mit Bichain während eines Jazz-Festivals in
Mulhouse (F, 2002) verändert seine Sicht über die Darstellung von Mensch und Zeit tiefgreifend. Zeit darf nicht als ein
statisches Objekt durch die Photographie definiert werden, sondern die Photographie muss zeitlichen Abläufen
gerecht werden und diese auch als solche darstellen. Diese Sicht versucht Christian Ciardi nicht nur in der Jazz
Photographie zu verwirklichen. Christian Ciardi photographiert nach wie vor analog. Er lebt und arbeitet in Innsbruck
Ausstellungen
• 1995 Gemeinschaftsausstellung „Tourismusverein Ritten“ Kommende
Lengmoos, August
• 2007 Einzelausstellung Stadtgalerie Bozen – Jazzlights 1.0
• 2008 Einzelausstellung Galerie Sandhofer Innsbuck – Jazzlight 2.0
Publikationen
• Zusammenarbeit mit Hans Karl Peterlini und Konstantin Wecker für einen Artikel in der „ff“-Südtiroler
Wochenzeitung; 2001
• Photographische Beiträge im Festivalführer „Südtirol Jazzfestival Alto Adige“ 2007.
• Zahlreiche photographische Beiträge im Buch „25th Anniversary Jazzfestival Bolzano-Bozen“.
• Photographische Beiträge in der österreichischen Szenenzeitung „Jazzzeit“ –Wien
Projekte
• Point of view: Photographische Begleitung des Konzertes Point of view der Band Always Incognito; Ritten
September 1997.
• Gestaltung des Plakates des 25 jährigen „Jazzfestival Südtirols – Alto Adige“.
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